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Wer hat Angst vorm Kamaramann
[Rezension Thomas Glavinic: Der Kameramörder]

von >> Tim Schomacker

Der Titel reißerisch wie eine Schlagzeile vom Boulevard. Der Schutzumschlag stylish, mit an Videotext erinnernder Typo. Dahinter ein diffuser Wald, mit dem – wie in »Blair Witch Project« oder der Neuen Wackeligkeit der Dogmafilme – etwas Reales in die relativ geordnete Lebenswelt des Beobachters einzubrechen droht. All das scheint Programm zu sein. Und da wir es mit einem Stück Literatur zu tun haben, merkt man bald: Medienkritik. All zu bald – und dann kommt lange nichts.
Wie das? Der Ich-Erzähler besucht mit seiner stets »meine Lebensgefährtin« genannten Freundin ein befreundetes Paar in der westlichen Steiermark. Sie wollen gemeinsam die Ostertage verbringen; wandern, essen, es sich gut gehen lassen. Kurz vorher und just in dieser Gegend hat ein Mann zwei Kinder umgebracht und die Morde mit der Kamera dokumentiert. Ein drittes Kind hat entkommen können. Die multimediale Aufbereitung der Tat, die Mördersuche und die daraus resultierenden hysterischen Diskussionen brechen in die Urlaubstage. Mit Entspannung ist es nun vorbei. Fragen nach dem wer, was, wo und warum dominieren die Gespräche bei Tisch; bei der dritten Flasche Wein wird erkundet, ob es moralisch einwandfrei sei, das Video, das inzwischen einem privaten Fernsehsender zugespielt wurde, zu zeigen.
Wie dies nicht enden wollende und zunehmend sich hysterisierende Gespräch ablief, erfahren wir aus der Perspektive des Ich-Erzählers. Er bemüht eine Diktion, die klar sein will und neutral und nüchtern – es aber nicht ist. Der Text überrascht mit ermüdend pedantischen Aufzählungen über die Speise- und Getränkefolge. Die Sprache ist kalt, öffiziös. Eva, die Gastgeberin, »fühle das Bedürfnis, ins Bett zu gehen«. Heinrich, ihr Mann, »vermerkte, der Mann an der Kamera sei erheblich krank«. Wenn der Ich-Erzähler die Frage, ob »meine Lebensgefährtin beleidigt sei […] wahrheitsgemäß mit Schulterzucken« beantwortet, wird er als jemand gezeichnet, dem das Reden, das Erzählen fremd ist. Er dürfte beim ausgedehnten Frühstück auf der Veranda gerade nicht der Entertainer sein, sondern der, der weitgehend stumm dabei sitzt. Warum, so fragen wir uns, erzählt dann er die Geschichte? Und wem? In diesem irritierenden Monolog liegen viele erzählerische Möglichkeiten. Das Problem ist, dass Glavinic sie mit dem ersten Satz alle zunichte macht. »Ich wurde gebeten, alles aufzuschreiben«, steht da. Ein Satz, auf den 150 Seiten später nur »Ich leugne nichts« folgen kann.
Man könnte diesem dramaturgischen Einwand entgegenhalten, dass der Text ja nicht unbedingt der spannungsorientierten Logik des Whodunnit folgen müsse. Stimmt, muss er nicht. Doch dann muss er anders stimmig sein. Das Muster, nach dem Glavinic von seinem »Kameramörder« erzählt, ist ein altbekanntes. Wir kennen den Täter zu Beginn. Er legt Rechenschaft ab, liefert die Rekonstruktion der Ereignisse. Bis am Ende die Geschichte in der Gegenwart der Rahmenhandlung angekommen ist. Man kann das so machen. Nur nutzt, wie gesagt, Glavinic zu wenige der damit verbundenen Möglichkeiten. Er findet eine Sprache für diese Figur, die das eigene Reden und Schreiben kaum voreinander kriegt, geschweige denn das eigene Leben – und die Schuld, die dem Bericht den Anlass liefert. Dass Glavinic dies kann, ist wenig verwunderlich, hat er doch auch in seinen voran gegangenen Büchern sich ins Innenleben merkwürdiger Zeitgenossen versenkt. Allein, hier kommt er nicht weiter. Die medienkritischen »Erkenntnisse« sind so banal, dass sie vom Medium längst integriert wurden. Grundsätzliche Lösungen für die referierten Problemstellungen – Hetze und Hysterie, Angstlust, Pornografie und Ethik – scheinen nirgends auf. Doch auch ihr Fehlen ist wenig plausibel. Vor allem die ›Störung‹, dass der scheinbar unbekannte Mörder auch vorm Fernseher sitzt und mitquasselt, bleibt ungenutzt. Warum muss er Berichtender und Berichteter in Personalunion sein? Spätestens an dieser Stelle verhakt sich Glavinic heillos in seiner Erzählung. Weder über die Tatmotive noch darüber, wie die bekannte wie schräge Mischung aus Sensationslust und oberflächlichem Medienmoralismus funktioniert, haben wir am Ende Neues in Erfahrung bringen können. So dass Der Kameramörder als Buch mit reißerischem Titel und aufgestyltem Umschlag ins Regal wandert.

Thomas Glavinic: Der Kameramörder. Berlin: Volk & Welt 2001. 160 Seiten. 16,36 Euro.
   
 
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